Vorsicht, #longread!. Dies ist ein Beitrag zur Blogparade: „Was macht ein Hochschulstudium aus?“ von Oliver Tacke.  Kommentierbare Version auf Google Docs hier.

Timo van Treeck, seines Zeichens Hochschuldidaktiker, hat die erste Frage „Was macht ein Hochschulstudium aus?“ schon klar beantwortet in seinem Beitrag Angewiesen auf Wissenschaftlichkeit:

„Die Einheit von Forschung und Lehre! (zumindest auf den ersten Teil der Frage). Ein Hochschulstudium bereitet (siehe auch die Folien hier) „auf berufliche und gesellschaftliche Handlungsfelder vor, die auf Grund ihrer Komplexität auf Wissenschaftlichkeit angewiesen sind“ (HRG, HZG NRW). Ich/Man soll also im Hochschulstudium Wissenschaft erlernen, am besten in dem ich Wissenschaft betreibe und darüber einen wisssenschaftlichen Zugang zu gesellschaftlichen und beruflichen Fragen entwickeln. Dieser wissenschaftliche Zugang bedeutet auch, dass es nicht nur um Problemlösungen geht, sondern darum sich in neuen Situation nicht nur adaptiv, sodern „transformativ“ zu verhalten (vgl. Reis 2014, S.95f), indem man nicht nur Lösungen findet sondern auch Probleme neu gestaltet, interpretiert und verändert. Um das zu können, muss ich selbst forschend aktiv werden.“

Oliver Tacke fragt weiterhin: Was davon ist warum digitalisierbar oder eben nicht warum nicht?

Ich selbst hatte das große Privileg, in zwei kleinen und speziellen Studiengängen zu studieren, in denen ich mit jeweils ca. 30 Mitstudierenden intensiv zusammengearbeitet habe (Audiovisuelle Medienbildung in Magdeburg sowie Pädagogik und Management in der Sozialen Arbeit in Köln). Große Vorlesungen waren hierbei eher die Ausnahmefälle, Seminare wurden mit hohen Anteilen von individuellen Ausarbeitungen wie Präsentationen und Hausarbeiten sowie Projekt-Gruppenarbeiten von Studierenden gestaltet. Und der Medieneinsatz war vor allem in Magdeburg ebenfalls sehr hoch, da Studierende Internetprojekte oder Medienprodukte wie Kurzfilme oder Video Essays als Prüfungsleistungen anfertigen konnten. Lag aber natürlich auch am Thema des Studiengangs. 😉 Ich könnte jetzt darüber schreiben, was für mich diese zwei Studiengänge ausgemacht haben – mache ich aber bewusst nicht, weil ich für diese Frage eine größere Perspektive einnehmen möchte, besser gesagt zwei Perspektiven:

Universitäre Analogburg-Perspektive vs. Digitalisierungswolken-Perspektive

Meiner Ansicht nach wird in der allgemeinen Diskussion um #Digitalisierung und Hochschule sehr oft nur von einer Perspektive aus gedacht: Man geht von den derzeitigen Umständen aus, also von Studiengängen die vorrangig lokal in den Räumlichkeiten der Hochschulen stattfinden und von Studierenden, die jeden Tag den Weg in diese Räumlichkeiten finden. Wenn man nun fragt, was ein Hochschulstudium ausmacht, ist es logisch, dass Aspekte wie interessante Vorlesungen, inspirierende Gespräche mit Professor*innen oder die Gemeinschaft unter den Studierenden vor Ort genannt werden. Der physikalische Ort Hochschule in Form von Gebäuden und Vorlesungs- bzw. Seminarräumen ist das Zentrum dieser Erfahrungen. Hiermit eng verbunden sind soziale Phänomene und soziale Rituale (Vorlesungs- oder Mensabesuche), Erlebnisse und Begegnungen mit Personen wie Mitstudierenden und Lehrenden und Zugehörigkeitsgefühle zu Gruppen wie dem eigenen Studiengangsjahrgang. All dies macht ein Hochschulstudium derzeit(!) aus. Ich möchte diese Perspektive im folgenden die universitäre Analogburg-Perspektive nennen.

Die Bewohner*innen von universitären Analogburgen fühlen sich eigentlich wohl: Die Burgmauern haben sie schon mehrere Jahrhunderte beschützt, sie sind anerkannt in der Gesellschaft, genießen die Freiheit der Forschung und Lehre und haben innerhalb ihrer Mauern tolle Vorlesungsgebäude und große Bibliotheken, in denen ihr Wissen und ihre Forschung auf Papier gesammelt wird. Und zweimal im Jahr kommen große Scharen von neuen Studierenden freiwillig in ihre Analogburgen, um etwas zu lernen. Gut, für einige Analogburg-Bewohner*innen sind es inzwischen zu viele und zu wenig gute Studierende, aber was will man schon machen? Ansonsten ist die universitäre Analogburg ein großartiger Ort zum Denken, Arbeiten und Lernen!

Und nun kommen Personen vor diese Burgmauern, scheinbar euphorisch auf einer Digitalisierungswolke schwebend, und stellen alles in Frage, was in der Burg über Jahre aufgebaut wurde. Diese Personen tun dies meist mit dem Hinweis auf neue technische Möglichkeiten, die scheinbar vollständig ortsungebunden funktionieren. Für viele Bewohner*innen einer universitären Analogburg ist diese Digitalisierungswolken-Perspektive in den meisten Fällen eher bedrohlich als vielversprechend – wer weiß schon, ob ein großes Gewitter aus solchen Wolken entsteht? Trotzdem wurden über die Jahre verschiedene Zugeständnisse an die Personen aus den Digitalisierungswolken gemacht und so wurden Lernmanagementsysteme innerhalb der Burgmauern errichtet und Computer in die Bibliotheken gestellt. Und doch ziehen die Digitalisierungswolken nicht weiter und die Personen aus den Wolken nörgeln weiter und sagen, dass ihnen das alles noch viel zu wenig ist.

So bilden sich bewusst oder unbewusst zwei Pole zwischen den Perspektiven aus, zwischen denen digitale Möglichkeiten, Meinungen und Strategien dann verhandelt werden – was der Diskussion nicht immer gut tut und im schlimmsten Fall zu einem Bollwerk führt, welches auf einer – oder auch auf beiden Seiten errichtet wird. Was folgt sind Grabenkampf-Diskussionen, wenn es um Digitalisierung und Hochschule geht. Am bildlichsten könnte man diese Diskussionen der beiden Perspektiven wohl an diesem Beispiel beschreiben:

Skypen mit Oma, die um die Ecke wohnt?

Ein kleines Denkbeispiel:

Stell dir vor, dass deine Oma derzeit in der Stadt lebt, in welcher du ebenfalls wohnst. Du bist gerade auf dem Weg zu ihr als plötzlich jemand auf einer Wolke vorbeischwebt und dir sagt: „Wow, warum besuchst du deine Oma? Du kannst doch heutzutage mit ihr skypen!“. Was wirst du ihm höchstwarscheinlich antworten? Höchstwahrscheinlich folgendes: „Bist du bescheuert? Warum soll ich mit ihr skypen, wenn ich sie auch direkt vor Ort besuchen kann?“.

Der lokale Status quo verhindert das Nachdenken über digitale Potenziale und mündet sofort in Ablehnung. Wann wird dieses Beispiel aber nun spannend? Genau – wenn man eben mal nicht vor Ort ist, wenn man wegzieht, wenn man ein Auslandssemester macht oder einen Job weit entfernt bekommt. Dann greifen wir alle sehr gerne auf die Vorzüge der Digitalisierung zurück und skypen selbstverständlich mit unserer Oma.

Eine ähnliche Logik tritt nun auf, wenn man Lehrende in der universitären Analogburg darum bittet, ihre Vorlesungen digital aufzuzeichnen oder andere Aktivitäten zu verfolgen, die mit digitalen Medien zu tun haben oder sich in Internet-Kontexten abspielen. Der Impuls ist oft: „Warum sollt ich das tun? Bisher kommen doch alle Studierenden in meine Vorlesung vor Ort!“ – das lokal-organisierte Setting verhindert also oft frühzeitig das tatsächliche Nachdenken über mögliche Potenziale.
Ebenso betrifft das Phänomen aber auch Studierende, die sich fragen „Warum soll ich etwas im Internet veröffentlichen, mir Blogartikel anschauen oder mit 140 Zeichenbegrenzung auf Twitter mit wildfremden Personen diskutieren?“, wenn sie doch auch mit klassischen Lernmethoden und Materialien durch ihr Studium kommen – so werden Studierende ebenso schnell zu Bewohner*innen und Verteidiger*innen der universitären Analogburgen:

„Die Studierenden nutzen das, was ihnen angeboten wird. Wenn der Lehrende ihnen nur recht klassische Lehrmaterialien anbietet, dann brauch ich als Student nicht groß rumzuschauen, sondern ich weiß ja, dass ich mit den Materialien, die mir angeboten werden, mein Studium bestehen kann.“ (Malte Persike von der Universität Mainz)

Und so kommt man in die schwierige Diskussion, wo die konkrete Mehrwerte von digitalen Medien zu finden sind im Gegensatz zum klassischen Setting, welches derzeit größtenteils stattfindet an Hochschulen.

Was könnte ein Hochschulstudium ausmachen, wenn man out-of-the-Burg denkt?

Von den derzeitigen Rahmenbedingungen auszugehen ist in vielen Fällen sinnvoll und auf kurze Sicht nötig bzw. teilweise unvermeidbar. Was passiert aber, wenn man mal nicht vom status quo ausgeht und out-of-the-Burg denkt? Ich möchte im folgenden Kernpunkte nennen, die für mich ein Hochschulstudium ausmachen, wenn man eher von der Digitalisierungswolke aus denkt, also aus Perspektive der digitalen Potenziale bzw. offen für beide Perspektiven ist. Dafür möchte ich folgende Aspekte diskutieren:

  • A. Offenheit, Barrierearmut und Flexibilität (#Inklusion, #Diversity)
  • B. Personalisierung, ansprechendes Design und Unterhaltsamkeit
  • C. Kritik-, Feedback-, Unterstützungs- und Wertschätzungskultur
  • D. Vernetztes Lernen, Lehren und Forschen
  • E. Berufsvorbereitung
  • F. Befähigung zur gesellschaftliche Teilhaben

A. Offenheit, Barrierearmut und Flexibilität (#Inklusion, #Diversity)

Der Blick auf die derzeitigen Studierenden vor Ort verstellt oft den Blick auf die Potenziale der Digitalisierung, da eben nicht über die Studierenden nachgedacht wird, die durch verschiedene Barrieren derzeit nicht im Hörsaal oder im Seminar sitzen – oder das Studium schon längst wieder abgebrochen haben im schlimmsten Fall. Die technischen Innovationen bieten hierbei ein gewaltiges Potenzial in Bezug auf ein Hochschulstudium, welches möglichst allen Menschen offen steht.

Öfter habe ich davon gehört, dass Lehrende ihr Folien nicht vor Vorlesungen hochladen wollen – u.a. mit der Begründung, dass dann ja keiner mehr von den Studierenden erscheint. Das Verweigern des Hochladens im Vorfeld der Vorlesung stellt aber vor allem für Studierende ein Problem dar, bei denen Sprachbarrieren bestehen oder die sich komplexe Inhalte vorab anschauen wollen, um noch mal etwas nachzuschlagen.

Ein weiteres Beispiel, bei welchem einseitig gedacht wird: Explizit für Menschen mit Behinderungen, beispielsweise für Menschen mit Sehbehinderungen eröffnet sich durch digitale Textdokumente die Teilhabemöglichkeit, um diese mit Screenreadern einfach lesen zu können. Papierbücher in der Bibliothek oder eingescannte Papierbücher-PDFs bauen hierbei unnötige Barrieren auf, die allen technischen Fortschritt wieder zunichte machen. Argumente wie angebliche bessere Haptik von Papierbüchern oder eine vermeintliche bessere Konzentrationsfähigkeit beim Lesen auf Papier schließen also Menschen explizit aus, wenn mit diesen Argumenten eine Diskussion um digitale Formate vorzeitig beendet wird.
Die UN versucht übrigens derzeit ein Abkommen von Staaten unterzeichnen zu lassen, um eine Urheberrechtsausnahme für sehbehinderte Menschen zu erreichen, um ihnen Inhalte zugänglich zu machen. (Marrakesh Treaty).
MDR Selbstbestimmt zeigte im Juli eine Dokumentation über den jungen Lehrer Martin Park, welcher sehbehindert ist und Schüler*innen mit Hilfe von Smartphone, Laptop und Beamer ganz selbstverständlich unterrichtet (Leider aus der Mediathek verschwunden).

Videoaufzeichnungen von Vorlesungen, Online-Seminare oder weitere digital-unterstütze Formate können bspw. auch Studierenden mit Kindern oder anderen Verpflichtungen helfen, um etwas Druck aus ihren Terminplänen zu nehmen. Auch das Jobben von Studierenden ist immer wieder ein heißes Thema, welches mit der erwarteten hohen Präsenz vor Ort von Studierenden zwangsweise kollidiert.

Aus Perspektive der technischen Möglichkeiten gedacht, bieten sich hier eine Vielzahl von weiteren Potenzialen für Offenheit, Barrierearmut und Flexibilität.

B. Personalisierung, ansprechendes Design und Unterhaltsamkeit

Digitalisierung bedeutet, dass vielfältige Möglichkeiten bestehen, um Personalisierung für Studierende anzubieten. Facebook bietet mir meinen personalisierten Newsfeed, Spotify meine Musik, jeder Online-Dienst schneidet sein Angebot ganz natürlich auf den oder die Nutzer*in zu und versorgt sie mit Benachrichtigungen, die für sie wichtig sind. Es ist mir schleierhaft, warum es noch kein vernünftiges Dashboard (Überssichtsseite) für Studierende gibt, auf denen sie über den Stand ihrer Credit Points informiert werden, Prüfungsdeadlines einsehbar sind oder sie automatisiert daran erinnert werden den Semesterbeitrag zu bezahlen (Falls doch, bitte Bescheid sagen!) – das sind ja nur die grundlegendsten Sachen. Die standardmäßige Organisation von deutschen Hochschulen sieht immer noch vor, dass sich Studierende durch Fakultäts- und Prüfungsamtswebseiten wühlen müssen, um an Informationen zu gelangen. Eigentlich sollte es doch den Hochschulen am Herzen liegen, dass Studierende ihre Abschlüsse nicht aus organisatorischen Gründen verpassen, oder?
Das Problem ist leider immer noch: Onlineangebote wurden bzw. werden aus Sicht der Verwaltung und der Lehrenden gedacht, nicht aus Sicht der Studierenden. Hoffnung machen jedoch Tweets wie diese:

Und ja, ein Hochschulstudium sollte für mich auch unterhaltsam sein. In Punkto Digitalisierung gibt es hierzu eigentlich nur gute Nachrichten zu verkünden:

  1. gute Nachricht: Theoretische Grundlagen oder andere Inhalte müssen nicht mehr ausschließlich stupide frontal vorgetragen werden oder in endlosen Textwüsten in wissenschaftlicher Literatur von Studierenden erarbeitet werden. Stattdessen sind heute interaktive Animationen oder Modelle, Timelines, tolle Erklärvideos, skurille Snapchat-Stories, Virtual Reality Apps, Serious Games, Self-paced Online-Kurse oder viele weitere Medientypen nutzbar.
    Der Clou: Einmal mehr Zeit investieren in eine gute Aufarbeitung und Studierende können jedes Semester aufs neue davon profitieren. Und das nicht nur an der eigenen Hochschule – falls Lehrende sich nach draußen ins Netz wagen mit ihren Inhalten.
  2. gute Nachricht: Dozierende müssen nicht mehr zwangsläufig Rampensäue sein, die vor hunderten Studierenden eine große Show abliefern. Dozierende können auf Formate wie Flipped Classroom wechseln, in denen Inhalte in Ruhe aufbereitet werden können oder Vorlesungsaufzeichnungen von anderen Professor*innen, z.B. aus MOOCs, verwenden. Die große, unterhaltsame Show können andere abliefern, falls man das nicht selber jede Woche machen möchte. Dozierende können sich also theoretisch aussuchen, welcher Lehrstil zu ihnen passt.

Ich denke weiterhin (steile These – müsste überprüft werden, gerne in den Kommentaren ergänzen!), dass es der Wunsch vieler Studierender ist, dass ein Hochschulstudium eben auch passive Anteile (frontale Vorlesungen oder anderen Formen des Frontalinputs) enthält, in denen sie Inhalte erstmal einfach konsumieren – also sich ein bisschen wie bei Netflix oder TED Talks zurücklehnen und immer mal wieder eine Episode schauen, ehe man selbst aktiv eigenständige Arbeit in diesem Kontext leistet.

Daran schließt sich direkt der nächste Aspekt an, der eng damit verwoben ist:

C. Kritik-, Feedback-, Unterstützungs- und Wertschätzungskultur

Gehen wir von möglichst unterhaltsamen und gut aufgearbeiteten Inhalten aus, die auch von anderen Personen digital beigesteuert werden: Reichen diese Inhalte für ein erfolgreiches Hochschulstudium? Was ist, wenn Fragen von Studierenden auftauchen – zu eben diesen unterhaltsamen Erklärvideos oder Vortragsaufzeichnungen aus MOOCs oder aus anderen Hochschulen? Wer betrachtet mit den Studierenden diese Inhalte kritisch und setzt sich tiefergehend damit auseinander? Wer stellt kritische Fragen dazu? Die Ersteller*innen dieser Inhalte werden kaum Zeit haben, diese Anfragen und Kommentare vollumfänglich weltweit zu beantworten, wenn sie massenhaft auftreten.

Und genau das ist es, was ein Hochschulstudium für mich ausmachen könnte – es sind nicht allein die Inhalte und nicht die physikalischen Orte, sondern die Dozierenden, Mitarbeitenden und Forschenden an den jeweiligen Fakultäten, die mit den Studierenden während des Studiums interagieren – also Feedback geben, kritische Rückfragen stellen, sie inspirieren, sie begleiten, ihnen bei offenen Fragen zur Verfügung stehen, ihre spezifischen Sichtweisen offenbaren, von ihren Erfahrungen berichten und den Studierenden einen Struktur und einen Rahmen (in Form eines Studiengangs) setzen (Siehe dazu auch Coursera President Daphne Koller im recode-Podcast). Dazu gehört natürlich auch die Interaktion zwischen den Studierenden sowie mit der Öffentlichkeit bzw. Gesellschaft, auf den ich jetzt nicht weiter eingehen werde, die aber ebenso wichtig ist.

Dieser Kernaspekt ist für mich sowohl digital als auch analog abbildbar – wichtig ist, dass dieser Aspekt sich wiederfindet im Hochschulstudium meiner Ansicht nach. Ob durch Skype-Sprechstunden, Whatsapp-Chats, Online-Kommentaren oder Veranstaltungen bzw. Sprechstunden vor Ort organisiert, ist hier erstmal von sekundärer Bedeutung – dass durch digitale Technologien zahlreiche neue Kommunikations-, Interaktions- und Lernmöglichkeiten dazugekommen sind, sollte klar geworden sein.

D. Vernetztes Lernen, Lehren und Forschen

Vernetzung kann heute mehr sein als jährliche Fachtagung, Publikationen auf Totholz und geschlossene E-Mailverteiler. In Bezug auf Online-Communities zu Fachthemen, dem interdisziplinären Austausch im Netz und auch in Bezug auf das Publikationssystem der Wissenschaft ist noch sehr viel Luft nach oben, wenn man aus der Digitalisierungswolke heraus auf die Hochschulen blickt.

Durch offene Arbeits- und Publikationsformen (#OpenScience, #OER, #OpenAccess, #OpenEducationalPractices, etc.) und offene Lizenzierungsformen (#OpenData) ergeben sich hier durch das Netz ganz neue Potenziale: Das CERN hat zuletzt bspw. 300 Terabyte Daten der Protonen-Kollisionen im Large Hadron Collider unter freier Lizenz online bereitgestellt. Jede Forschungsarbeit könnte theoretisch mit den jeweiligen Forschungsdaten in Form von Dateien online bereitgestellt und von anderen Forschenden genutzt werden – eventuell ein wichtiger Schritt, um die Reproduzierbarkeit von wissenschaftlicher Forschung zu stärken, welche zuletzt bspw. stark debattiert wurde im Feld der Psychologie.

Auch in Bezug auf Gruppen- und Projektarbeiten entstehen durch digitale Werkzeuge und Dienste noch einmal ganz neue Möglichkeiten bzw. Prozesse für die Zusammenarbeit in Gruppen, bspw. durch Online-Dienste wie Mendeley in Bezug auf die Literaturrecherche, von dem ich hier im Blog bereits berichtet habe: Digital-unterstützte Gruppenarbeit #1: Literatur mit Mendeley-Gruppen gemeinsam recherchieren und kommentieren. Da geht meiner Ansicht nach noch deutlich mehr in Zukunft!

Einen großen Fehler, den man hierbei allerdings nicht begehen sollte: Blickt man von der Hochschule aus nach oben in die Digitalisierungswolke, findet man vermeintlich gut funktionierende Konzepte wie die Schwarmintelligenz in Online-Projekten oder Communities wie Wikipedia. Ich fand es sehr erleuchtend und treffend, wie Gunter Dueck in seinem Buch Schwarmdumm darauf hinweist, dass Schwarmintelligenz im Netz ad-hoc funktioniert. Das heißt, dass sich nur temporär Gruppen bilden, die gemeinsam zu tollen Ergebnissen und Lösungen gelangen im Online-Austausch zu einem bestimmten Thema. Die Beteiligten erfahren hierbei Selbstwirksamkeit – sobald dieses Thema aber aus Sicht der Beteiligten ausreichend bearbeitet wurde oder sie keine Selbstwirksamkeit mehr spüren, löst sich die Gruppe ganz schnell wieder auf. Dieser so wichtige Aspekt wird leider oft übersehen und so versucht bzw. versuchte man an Hochschulen oft, Schwarmintelligenz in geschlossenen Systemen zu erzeugen und bietet seinen Studierenden Online-Foren oder Wiki-Installationen an. Dies ist oft verbunden mit der Hoffnung, dass dann schon ganz von allein tolle Inhalte entstehen.
Es existieren aber sehr wohl Wege, um eben diese Schwarmintelligenz zu aktivieren. Hierfür muss aber das Burgtor der Hochschule geöffnet werden und Themen müssen für interessierte Personen im Netz offen bearbeitet werden können. Dies kann über projektorientierte MOOCs geschehen, in denen Studierende temporär mit interessierten Personen über das Netz zusammenarbeiten und so Wissen, Meinungen oder Fragen von „draußen“ in das Seminar holen können. Die Möglichkeiten sind hierbei ebenfalls vielfältig und keinesfalls auf MOOCs beschränkt.

Die beschriebene Vernetzung hat in gewissen Teilen schon stattgefunden, wenn man bspw. Facebook nach Gruppen durchsucht, in denen sich Studierende organisieren. Von einer Öffnung kann man hierbei aber meiner Meinung nach noch lange nicht sprechen.

(Anekdote am Rande: Lustigerweise wünschten sich übrigens Lehrende auf einer Hochschulveranstaltung die Entwicklung eines virtuellen Marktplatzes, um sich über gute Lehre auszutauschen können. Ich habe es leider versäumt zu sagen, dass man ja auch einfach erstmal eine Facebook-Gruppe gründen oder auf Twitter aktiv sein könnte, bevor man auf die Entwicklung einer großen Plattform wartet. )

E. Berufsvorbereitung

Es ist vielleicht bezeichnend für die allumfassende Bedeutung von Technologie, dass Frank Rieger im Hoodie vor den – laut Veranstalter – führenden Vertretern aus Wirtschaft, Technologie und Wissenschaft bei den Pertersberger Gesprächen über die nächste Welle spricht, die durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz auf die Gesellschaft zurauscht. Eine Welle, die wohl nicht nur Fabrikarbeiter*innen, sondern auch z.B. gut ausgebildete Jurist*innen treffen kann.

Zukunftsprognosen sind jedoch immer eine heikle Angelegenheit, aber wenn man nur mal theoretisch der Prognose von Rieger und anderen folgt, dann stellen sich da schon grundlegendere Fragen, was die Berufsvorbereitung an Hochschulen betrifft und wozu man Studierende eigentlich befähigt bzw. befähigen muss.

Aus der Digitalisierungswolke heraus kann es hier aber auch um banal erscheinende Dinge gehen wie die Zusammenarbeit in Teams, deren Mitglieder nicht im selben Büro sitzen (Hallo, Analogburg!). Kommunikationspraktiken in digitalen Kollaborationstools wie Slack unterscheiden sich zum stark von den gewohnten Abläufen in lokal organisierten Gruppenarbeiten. Die Software-Ingenieurin Lena z Gunn hat eine beeindrucke Liste zusammengestellt, was es hierbei alles zu beachten gilt aus ihrer Erfahrung heraus – und das ist mehr, als man vielleicht spontan vermutet: Working remotely.

Folgt man der Einschätzung, dass lebenslanges Lernen und die persönliche Weiterbildung ebenfalls von Bedeutung sind in der Zukunft, stellt sich auch hier die Frage, was Hochschulen derzeit tun, um ihre Studierenden hierfür fit zu machen, sodass eigenständig neue Themenfelder identifiziert und erschlossen werden können.

All das ist vielleicht zu oberflächlich beschrieben und zu unspezifisch für einige wissenschaftliche Disziplinen. Meiner Ansicht nach sollten Hochschulen aber eben nicht den Blick darauf verlieren, wie in der Wirtschaft, bspw. in global agierenden Unternehmen oder auch in weltweit vernetzten Forschungsteams zusammengearbeitet wird. Eine Hochschule oder Disziplin, die das berücksichtigt, muss meiner Ansicht nach somit virtuelle Experimentierräume und Tools anbieten und Studierende Erfahrungen im Hinblick auf digitale Zusammenarbeit ermöglichen und sie stets zur Nutzung ermutigen – auch außerhalb der in der Hochschule verwendeten Software oder den dort vorherrschenden Arbeitsweisen.

F. Befähigung zur gesellschaftliche Teilhaben

„Menschen in Sozialen Netzwerken sind emotional, der Journalismus ist kühl, die Wissenschaft ist …?“ – diese Frage habe ich mir bei Sascha Lobos Vortrag auf der 13. Tübinger Mediendozentur gestellt, in welcher Lobo sehr eindrucksvoll schildert, wie seiner Meinung nach das Konzept bzw. die Ilussion einer „Gesellschaft“ in Zeiten der hochkochenden Kommentare in Sozialen Netzwerken nach und nach zerbröckelt. Für Lobo fungierte der Journalismus jahrelang als Gatekeeper, der meist nur gemäßigte Meinungen der Bürger*innen auf den Bildschirmen und in den Zeitungen erschienen ließ. Nun können alle Bürger*innen ungefiltert in Sozialen Medien ihre Meinungen und Ansichten verbreiten, die zudem meist noch höchst emotionsgetrieben sind – im Gegensatz zum um Mäßigung bemühten Journalismus.

Katharine Viner, Chefredakteurin des Guardian, verdeutlichte im Artikel How technology disrupted the truth am Beispiel #brexit eindrucksvoll, dass „echte“ Fakten in den heutigen Zeiten enorm an Bedeutung verloren haben.

Wie positionieren sich Forscherinnen und Forscher in dieser Situation? Welchen Beitrag leisten sie zu gesellschaftlichen Debatten? Welchen Beitrag können sie überhaupt leisten? Und wie viel Vertrauen bringen ihnen Bürger*innen überhaupt entgegen?

Ein mögliches Beispiel, wie in Sozialen Medien agiert werden kann, ist das Netzwerk Flüchtlingsforschung, welches aktiv und wissenschaftlich über die Themen Migration und Asyl informieren möchte. Ein anderes Beispiel für politische Partizipation lieferte der Astrophysiker Harald Lesch, der allerdings natürlich erhebliche TV- und Medienerfahrung besitzt. Er prüfte das AfD-Programm wissenschaftlich in Bezug auf die Aussagen zum Klima- und Umweltschutz. Ein Video, das über 5’000 Kommentare und über 270’000 mal auf Youtube aufgerufen wurde:

Die dunkle Seite des Netzes, die sich hierbei direkt auftut, beleuchtet Religionswissenschaftler Michael Blume im Blogbeitrag Als Religionswissenschaftler im Kreuzfeuer von Verschwörungsmythen – Ein Aspekt von Digital Religion.

Die Gatekeeper sind also weg, wenn man bei Lobo bleiben möchte: Heutzutage kann jeder einen Blog erstellen, ein Buch oder E-Book veröffentlichen oder in einem Video so erscheinen, als würde er sich tatsächlich auf wissenschaftliche Fakten berufen und wissenschaftlich arbeiten. These: Der Großteil der Bürger*innen hat keinen kostenfreien Zugriff auf wissenschaftliche Literatur (Hallo, #OpenAccess), um eventuell selbst nachzuforschen und landet daher wohl zwangsläufig bei frei abrufbaren Webseiten oder Blogs.
Reicht es aus, dass Wissenschaftler*innen und studierte Personen die Spreu vom Weizen trennen können, wenn es um immens wichtige Informationen geht wie im Fall des Brexits? 
Dies führt zur Frage: Ist es also auch Aufgabe der Hochschulen, ihre Studierenden auch für diese zukünftigen Herausforderungen in Bezug auf die gesellschaftliche Partizipation vorzubereiten?

Fazit: Präsenz vor Ort als Premium-Feature denken?

Die Digitalisierung hat ein ortsungebundes Studium in vielen Disziplinen prinzipiell möglich gemacht – Timo van Treeck zog hier in seinem Beitrag die Grenzlinie bei anwendungsorientierter Forschung, die Materie benötigt. Ein interessanter Aspekt, den ich gerne tiefer beleuchten würde in Zukunft.

Im Hinblick auf die Diskussion um lokale Präsenz vor Ort, stehen uns wahrscheinlich noch spannende Zeiten bevor – das kann wohl jeder bestätigen, der mal die Virtual Reality Brille HTC Vive ausprobiert hat und das Raumgefühl erlebt hat. Argumente wie „Mir fehlt der Augenkontakt” oder„Die Körpersprache ist immens wichtig“ könnten bei Entwicklungen wie holoportation schneller der Vergangenheit angehören, als man jetzt glaubt:

Meine Einschätzung: Die meisten öffentlichen Hochschulen in Deutschland werden wohl weiter aus der lokalen Perspektive über Digitalisierung nachdenken. Was zum einen Sinn macht, weil sie derzeit bereits über Räumlichkeiten und Gebäude verfügen – und sie somit über ein Feature verfügen, was andere nicht so einfach liefern können. Was zum anderen aber die große Gefahr birgt, in einer eigenen kleinen Filterblase bzw. Burg zu leben ohne echten Kontakt nach außen.
Bildungs-Startups wie Kiron versuchen es genau anders herum: Sie bieten vorrangig Online-Lernmöglichkeiten an und optional dazu Lernräume, bspw. in Berlin (Siehe Campusmagazin-Beitrag). Dabei gibt es aber auch durchaus Mischformen: Jöran Muuß-Merholz gab in seinem Blogparade-Artikel ja bereits den Hinweis auf das Startup Minerva, welches für Studierende in mehreren Städten Wohnheime bereitstellen wollte, weil Studierende aus ihrer Sicht möglichst intensiv beieinander sein müssen – wo die Lehrenden sich befinden spielt für Minerva aber keine Rolle.

Welcher Ansatz bzw. welche Lern-, Arbeits- und Organisationsform sich in Zukunft durchsetzen wird, bleibt für mich sehr spannend. Auch weil hier wirtschaftliche Gesichtspunkte eine große Rolle spielen und Hashtags wie Disruption, Automatisierung und KI ebenfalls mehr oder minder sichtbar über dem ganzen Themengebiet kreisen.

Denken wir an das Beispiel am Anfang zurück: Muss alles digital ablaufen, wenn die Hochschule um die Ecke ist? Natürlich nicht – aber der Blick auf mögliche Vorteile sollte dadurch nicht verstellt werden und mögliche Überlegungen für zukünftige Strategien sollten nicht vorschnell torpediert werden. Denn nur weil der oder die Lehrende ständig gerne in der Hochschule vor Ort ist (oder vor Ort sein muss), heißt dass nicht, dass alle Studierenden das ebenfalls toll finden oder überhaupt dazu in der Lage sind (Stichwort: Wohnungsmarkt in Großstädten).

Minimalziel sollte es für mich sein, die möglichen Potenziale, die sich durch die Digitalisierung bieten, für alle mitzudenken und so inklusiv, offen, flexibel und vernetzt wie möglich zu sein im jeweiligen Kontext. Das bedeutet auch, dass Technologie  nicht allein dazu genutzt werden darf, um Studierende zu steuern bzw. zum Ziel zu lenken oder im schlimmsten Fall zu drängen. Viel mehr geht es darum, Studierenden es zu ermöglichen, eigene Entscheidungen treffen zu können. Der Informatiker Erik Duval hat das im Jahr 2013 sehr inspirierend beschrieben:

In dem Sinne: bitte demnächst in der Mitte zwischen Analogburg und Digitalisierungswolke treffen, um ernsthaft über das Thema zu diskutieren!

Vielen Dank an Oliver Tacke für die Veranstaltung der Blogparade!

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